Die meisten Gartenbesucher gehen an ihm vorbei. Er steht unscheinbar vor dem Keramikhäuschen und wirkt eher wie ein dekoratives Fundstück aus vergangenen Zeiten.
Dabei erzählt er eine Geschichte.
Gefunden habe ich ihn beim Entrümpeln bei einer alten Dame. In einer dunklen Ecke stand dieser seltsame Ofen. Gerade einmal sechzig Zentimeter hoch.
Ich betrachtete ihn eine Weile und fragte mich, wie man darauf überhaupt vernünftig kochen konnte. Rückenschmerzen waren doch praktisch vorprogrammiert.
Meine Neugier war geweckt.
Die Besitzerin des Ofens, Inge, damals bereits über neunzig Jahre alt, begann zu erzählen.
Im Zweiten Weltkrieg gab es kaum etwas zu essen. Viele Menschen hungerten. In ihrem Ort war es verboten, Fleisch zu „organisieren“. Doch Inges Vater hatte Beziehungen und brachte gelegentlich ein kleines Stück Fleisch nach Hause.
Damit niemand bemerkte, dass in der Familie Fleisch gekocht wurde, baute er diesen kleinen Notofen.
Er war genau so groß, dass er in eine dunkle Nische im Keller passte. Dort wurde heimlich gekocht. Ab und zu landete ein Stück Fleisch im Topf und half der Familie, die schweren Jahre zu überstehen.
Als der Krieg vorbei war, wurde der Ofen nicht mehr gebraucht.
Er blieb im Keller zurück, rostete vor sich hin und geriet in Vergessenheit.
„Das waren schreckliche Zeiten. Weg mit dem Ding“, sagte Inge.
Aber da war ich anderer Meinung.
Ich bat sie, mir den kleinen Ofen zu geben.
Heute steht er in meinem Garten vor dem Keramikhäuschen.
Für mich ist er eine Erinnerung daran, wie kostbar selbstverständliche Dinge sein können.
Ich muss mich nicht im Keller verstecken, wenn ich koche.
Der Duft eines Bratens darf durchs offene Fenster ziehen.
Niemand muss heimlich Feuer machen.
Niemand muss hoffen, nicht entdeckt zu werden.
Vielleicht bewahre ich den kleinen Ofen genau deshalb auf.
Sondern weil er mich daran erinnert, dankbar zu sein.
Und weil ich hoffe, dass wir alle niemals wieder Zeiten erleben müssen, in denen ein solches Versteck zum Überleben notwendig wird.
The Little Stove by the Pottery Shed
Some visitors may have noticed the small rusty stove standing in front of my pottery shed.
At first glance, it looks like an old decorative object. But it carries a remarkable story.
I found it while helping to clear out the home of an elderly lady named Inge. During World War II, food was scarce and many people suffered from hunger. Her father built this tiny stove so that the family could secretly cook food in a hidden corner of the cellar without attracting attention.
After the war, the stove was forgotten and left to rust away.
Today it stands in my garden as a quiet reminder of those difficult times.
Whenever I walk past it, I think about how fortunate we are. We can cook openly, enjoy our meals without fear, and often take these simple things for granted.
For me, this little stove is not a decoration. It is a reminder of gratitude and of the hope that such times will never return.



Kommentare
Und ich hoffe, Ihre Besucher haben bemerkt, dass die Vergangenheit nur wenige Schritte entfernt ist, und nun konnte ich die Geschichte des Herdes lesen.
Es ist gut, dass Sie ihn gerettet haben und er nicht spurlos verschwunden ist.
Ich weiß nicht, wie lange ich mich an Ihren Beitrag erinnern werde, aber ich weiß, dass ich morgen daran denken werde, wenn ich die blaue Flamme meines Gasherds sehe.
Alles Gute! Éva aus Ungarn
Alles gute dem kleinen Ofen der mit den Pflanzen jetzt Leben darf.
Danke fürs teilen!
Lieben Gruss Elke
Und die wird gleich noch besonderer, wenn man die Geschichte dazu kennt... wirklich Wahnsinn, wenn man sich vorstellt, wie das Leben für diese Familie gewesen sein muss... Es ist immer wieder spannend, die Hintergründe von solchen Dingen (und den Menschen dahinter) kennen zu lernen!
Und ich finde es schön, dass so ein Gegenstand bei dir nun noch ein zweites Leben gefunden hat und einfach nur hübsch aussieht.
Ich finde es schön, dass der kleine rostige Ofen noch so eine wunderbare Aufgabe in seinem Alter bekommt!
Liebe Grüße, Andrea
das sind die Geschichten, die ich liebe.
Jeder von uns sollte nach Lösungen suchen und kreativ werden.
Inge konnte stolz auf ihren Vater sein.
Ich habe einen alten Zeitungsartikel aus der Zeit vor meiner Geburt.
Auf dem Foto ist mein Vater mit Männern des 1.FCN.
Damals war der erste türkische Fußballspieler beim Verein.
Der Vorstand und mein Vater waren neugierig auf das Land aus dem Zeki Reketli kam.
Also sind sie im Oktober 1961 nach Istanbul gefahren.
Für die 2200 km haben sie rund 36 Stunden damals benötigt.
Mein Vater war bis zu seinem Tod begeistert von der Reise und der Gastfreundschaft der Menschen in der Türkei.
Dafür bin ich dankbar. Denn diese Geschichte und die Haltung meines Vaters hat mich gelehrt, dass alle Menschen wertvoll sind, egal aus welchem Land sie kommen.
Herzliche Grüße
Jutta
Wie schnell wurden die Zeiten der Not im letzten Jahrhundert vergessen. Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg kamen dankbare Menschen von ihren Hamsterfahrten zu Besuch aufs Land, inzwischen wieder einigermaßen gut versorgt, für uns Kinder gab es dann *Bremer Babbeler*, süße Lutscher, damals seltene Kostbarkeiten.
Es gab auch eine dunkle Episode in der weiteren Familie, bei der sich Geschwister gegenseitig wegen *Schwarzschlachten* angezeigt hatten.
Für jeden guten Tag bin ich dankbar!
Herzliche Grüße
Kerstin und Helga
Sommerliche Grüße
von Anke
The little stove may look ordinary, but its history makes it extraordinary.
I think it’s wonderful that you gave it a place in your garden-- not as decoration, but as a reminder of resilience and gratitude.
Thank you for sharing this piece of living history.