Wie die Waldelfen in meiner Werkstatt lebendig wurden

 

Manchmal reicht ein bisschen Morgennebel im Kopf, und schon erwachen in meiner Werkstatt Waldelfen aus Ton zum Leben.

Wenn ich in meiner kleinen Werkstatt zwischen meinen Keramikfiguren sitze, dann schweifen meine Gedanken weit umher. Dabei entstehen neue Dinge aus Ton. Manchmal habe ich etwas Ähnliches gesehen, meist entsteht ganz von selbst eine neue Arbeit.

Diesmal entwickelte sich in meinem Kopf erst eine Geschichte und danach formte ich die dazugehörigen Figuren:


Tief im Wald leben viele Fabelwesen, böse und gute. Ich möchte heute von den Guten berichten. Besonders liebenswert sind die Waldelfen. Sie haben einen langen Körper und einen dicken, kräftigen Schwanz. Nicht wie ein Wolf, sondern wie eine Meerjungfrau. Nun, das ist nicht verwunderlich, sie stammen von Meerjungfrauen ab, die vor unendlich langer Zeit das Wasser als Lebenselement verließen.

Sie sind sehr scheu. Kein anderes Wesen darf sie entdecken. Warum die Menschen diese friedlichen Wesen nicht sehen, ist klar. Sie würden verfolgt, eingefangen und zur Schau gestellt.

Die kleinen Waldelfen können dank ihres kräftigen Schwanzes bei dichtem Nebel durch das Unterholz des dichtesten Waldes gleiten. Sie sind dabei sehr geschickt. Nur selten kommt es vor, dass eine Elfe sich aus Unachtsamkeit in den Ranken der wilden Clematis verstrickt. Nun ist es wichtig, dass ihr wissen müsst, dass alle Elfen mit Stolz einen Schwanz tragen, aber nicht alle Arme haben. Genetisch gehören sie aufgrund ihrer Herkunft zu den Fischen. Glücklicherweise gibt es inzwischen einige Elfen, denen Arme gewachsen sind. Statt Fingern haben sie Flossen, und so können sie ihre Artgenossen aus misslichen Lagen befreien.

Sicher möchtet ihr erfahren, woher ich all diese ganz geheimen Dinge kenne. Ich werde es euch berichten.

Vor langer Zeit streifte ich durch den nahen Wald und wie es so ist, statt auf den Weg zu achten, lief ich hinter ein paar jungen Füchsen her. Sie waren zu niedlich, ich musste sie beobachten. Ihr könnt es euch denken, schnell wurde es dunkel und sehr neblig, ich fand den Weg nicht zurück.

Angst kenne ich im Wald nicht. Also suchte ich mir einen Holzstumpf, setzte mich und dachte nach. Das Nachdenken nimmt bei mir oft viel Zeit in Anspruch und in der Regel bewege ich mich dabei nicht.

Genau, ihr habt es erfasst. Es raschelte im Gebüsch und es waren nicht die Fuchskinder, sondern eine Waldelfe.

Offensichtlich wirkte ich nicht bedrohlich und sie lächelte mir zu. Mit zarter Stimme sprach sie mich an: „Hallo, ich heiße Eva. Und du, wie heißt du?“

Ich nannte ihr meinen Namen und erzählte ihr, warum ich mitten im Wald sitze und nachdenke. Ihr Gesicht war hell und rund wie ein kleiner Mond im Nebel, mit einer winzigen Nase und einem stillen Lächeln. Ihr Körper sah aus, als wäre er aus Moos, Blättern und Rinde gemacht, so perfekt getarnt, dass man sie im Wald kaum von einem Baumstumpf unterscheiden könnte. Arme hatte sie keine. Nur ihr kräftiger Schwanz begann dort, wo bei anderen Beine wären, breit und schwer und doch so lautlos, als könne er durch jedes Unterholz gleiten.

Sie lächelte wieder und bedeutete mir, ihr zu folgen. Aber ich sollte nicht so durch das Gebüsch trampeln, sondern achtsam sein. Nicht jede Pflanze erholt sich nach einem Menschentritt.

Nach kurzer Zeit gelangten wir auf eine Lichtung im Wald, die ich noch nie gesehen hatte. Sie war begrenzt mit zapfenförmigen kleinen Bäumchen, die die gleichen Blätter trugen wie Eva. 

Zwei weitere Elfen saßen dort und beäugten mich neugierig. Die ältere von ihnen hatte Arme, die mich an Ananasfrüchte erinnerten. Sie wedelte damit umher. Statt Fingern hatte sie Flossen, und sie war sichtlich stolz darauf. „Ich heiße Agate“, sagte sie, und ihre Stimme klang, als hätte sie schon viele Nebel kommen und gehen sehen.

Und die Dritte, jüngste Elfe hieß Blättchen. Blättchen war sehr aufgeregt, noch nie hatte sie einen Menschen gesehen. Die kleine Elfe hüpfte fast an Ort und Stelle. „Ich bin Blättchen“, platzte es aus ihr heraus. „Noch nie habe ich einen Menschen aus der Nähe gesehen.“ Dabei rutschte ihr Schwanz ein Stück über das Moos, ganz leise, als wäre der Boden aus Watte.

Agate wirkte besorgt. Sei vorsichtig, nicht alle Waldbewohner meinen es gut mit euch Menschen. Zu oft wurden sie bedroht oder vertrieben von Menschen, die es angeblich gut mit ihnen meinten.

Kaum hatte sie ausgesprochen, raschelte es im Unterholz und ein hohles Pfeifen war zu hören. Alle drei Elfen verschwanden wie der Blitz und ich saß allein da, mit einer unsichtbaren Gefahr vor mir.

Etwas Großes walzte sich pfeifend und zischend durch den Wald. Schon sah ich etwas Rotes aufblitzen. Es kam immer näher. Hatte ich vorhin nicht gesagt, dass ich mich im Wald nicht fürchte? Große Klappe, nichts dahinter.

Dann stand er vor mir. Ein gewaltiger Vogelkörper, dicht bedeckt mit kleinen Blättern. Sein fächerartiger Schwanz und sein hoher breiter Kamm leuchteten rot. War er wütend? Sollte ich flüchten? Vor lauter Aufregung fing meine Nase an zu laufen und ich suchte verzweifelt nach einem Taschentuch in meiner Jackentasche. Kein Taschentuch, aber einen klebrigen Erdnussriegel kramte ich hervor.

Der mächtige Vogel, größer als ein Strauß und kugelrund, sah den Erdnussriegel, reckte seinen langen Hals zu mir und schnappte danach. Schwupp, weg war die süße Wegzehrung.

Jetzt ließ sich Agate wieder blicken. Sie lächelte und sagte: „Da hast du richtig Glück gehabt. Unser Dickerchen ist so versessen auf Süßes, da hat er ganz vergessen, dass er eigentlich dich verspeisen könnte.“

Dickerchen sah mich noch einmal verächtlich an und watschelte auf seinen kurzen Beinen in den Nebel zurück.

Nun wollte ich nicht länger im Wald nachdenken, sondern zurück in mein Dorf. Die drei Waldelfen waren gern bereit, mir den Weg ins Dorf zu zeigen. Am Waldrand waren sie plötzlich verschwunden.

Ich saß auf meinem Baumstumpf und fragte mich, ob ich das alles wirklich erlebt hatte. Vielleicht sollte ich nicht so viel nachdenken.

Am nächsten Tag saß ich in der Werkstatt und die kleinen Waldbewohner erwachten in meinen Händen langsam wieder zum Leben. Eva könnt ihr leider nicht kennenlernen. Sie hat inzwischen eine neues, wunderschönes Zuhause gefunden.



English summary

In my little workshop, surrounded by my ceramic figures, my thoughts often wander into the woods. This time a story came first, and only then the characters were shaped from clay.

Deep in the forest live many creatures, some kind, some dangerous. The dearest of them are the forest elves, shy beings with mermaid like tails, descendants of those who once left the sea. In thick morning mist they glide silently through the undergrowth, almost invisible in their leafy camouflage.

Long ago I met them by chance when I got lost while watching young foxes. Eva led me to a hidden clearing where I also met Agate, proud of her newly grown arms, and little Blättchen, curious and excited to see a human. When a strange whistling danger approached, the elves vanished like mist. A huge leaf covered bird creature appeared, but a sticky peanut bar saved me from becoming its dinner. The next day, back in my workshop, the forest beings came to life again in my hands.


Kommentare

Stara vrtlarica hat gesagt…
Wenn man solch schöne Kunstwerke sieht, kann man nicht anders, als die Fähigkeiten des Künstlers zu bewundern, der sie geschaffen hat.
Daniel hat gesagt…
Phantastische Figuren – besonders die Waldelfe im letzten Bild gefällt mir sehr gut.
In diesem Sommer hab ich mir vorgenommen (nach langer Zeit) wieder einmal alleine im Freien zu zelten und den Stimmen im Wald zuzuhören.
LG