Wieder mal vergessen




Die letzten Tage sind wie im Flug vergangen. So viele Menschen haben mir viel Erfolg für den ersten Offenen Garten dieses Jahres gewünscht. Und ja, die guten Wünsche haben offenbar funktioniert. Den ganzen Tag beantwortete ich Fragen, zeigte gesuchte Pflanzen, schenkte Kaffee ein, suchte Ableger heraus und führte Gespräche zwischen Staudenbeeten und Gartenwegen. Nur eines habe ich völlig vergessen.

Das Fotografieren.

Nicht ein einziges Mal dachte ich daran, die Kamera in die Hand zu nehmen. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, diesmal alles ordentlich festzuhalten. Die Besucher, die Stimmung, die vielen blühenden Ecken.
Keine Chance. Irgendwo zwischen Kuchen, Pflanzenfragen und Gartenstühlen verschwand dieser Plan lautlos im Beet.

Welche Themen kamen am häufigsten zur Sprache?
Natürlich Dünger.
Dann Schnecken. Immer Schnecken.
Außerdem die große Frage, warum ich angeblich so wenig Unkraut habe. Ich hätte darauf gern eine magische Antwort gegeben, musste aber enttäuschen. Wahrscheinlich hilft tatsächlich nur regelmäßiges Jäten. Leider sehr unromantisch.
Auch die Frage, wie viele Stunden ich täglich im Garten arbeite, tauchte immer wieder auf. Ich habe beschlossen, das lieber nicht genau auszurechnen.
Interessant fand ich, dass diesmal kaum jemand nach Pflanzennamen fragte. Früher war das fast das Hauptthema. Heute zücken die meisten einfach ihr Handy und lassen eine Pflanzen App arbeiten. Der Garten wird digital.


Besondere Aufmerksamkeit bekamen die Prärielilien, Camassia, die gerade wunderbar blühen. Und natürlich der große Geweihfarn  (Platycerium bifurcatumder seit den wärmeren Temperaturen am alten Apfelbaum hängt.


Euch nehme ich heute wenigstens noch auf einen kleinen Rundgang mit.


Gleich am Eingang werden die Gäste von meinen Masken begrüßt. Manche erschrecken sich ein bisschen, andere lachen sofort. Ein guter Anfang also.
Vorbei geht es am Enzian Ehrenpreis, Veronica gentianoides. Durch den vielen Regen sind die Blütenähren in diesem Jahr besonders hoch geworden und wiegen sich jetzt in den Beeten.
Überall im Garten schweben die ersten Alliumkugeln. Allium aflatunense ‘Purple Sensation’ eröffnet wie jedes Jahr die große Alliumsaison. Ich mag diese Pflanzen sehr. Sie wirken immer ein wenig so, als hätten sie beschlossen, über den übrigen Blumen zu schweben.
Die letzten Blüten des Blauregens hängen noch am Baumstamm. Er blüht von oben nach unten, als würde er sich langsam verabschieden wollen.


Und noch immer tanzen die Akeleien im Wind. Diese kleinen Tänzerinnen machen sowieso, was sie wollen. Sie säen sich aus, tauchen plötzlich an neuen Stellen auf und überraschen jedes Jahr wieder mit anderen Farben.


Wenn irgendwo ein freies Plätzchen auftaucht, dauert es nicht lange, bis die Polsterglockenblumen (Campanula poscharskyanaes) entdeckt haben. Besonders rund um die Schale mit der großen Ameisenkolonie unter dem Tellerboden breiten sie sich mit bewundernswerter Entschlossenheit aus. Wenn ich nicht aufpasse, verschwindet irgendwann die ganze Schale unter den bald blau blühenden Ranken.
Bevor wir ganz nach hinten in den Garten gehen, werfen wir noch einen Blick auf das alte Whiskeyfass. Dort hat sich eine kleinblättrige Seerose angesiedelt. Für die Vögel ist das Fass inzwischen ein wichtiger Trinkplatz geworden.


Und dann ist da noch das neue Wasserbecken. Hier  war es noch Baustelle, jetzt ist es tatsächlich rechtzeitig fertig geworden. 
An der niedrigen Einfassung aus Schaumblüten (Tiarella)vorbei gehen wir langsam weiter bis zu den letzten Stiefmütterchen. Sie verabschieden nun langsam den Frühling und machen Platz für die wärmeren Tage.




Am Ende des Tages war ich müde, glücklich und ziemlich heiser vom vielen Reden.

Und die Fotos?

Die habe ich eben einfach später gemacht.




The first Open Garden day of the year was a success, and once again I completely forgot to take photos while visitors were actually there.

The day was filled with conversations about fertiliser, slugs, weeds and plants. Many guests admired the blooming Camassia, the giant staghorn fern hanging in the apple tree, the alliums and the aquilegias dancing in the wind.

Interestingly, people asked much less often for plant names this year. Most simply used plant identification apps on their phones.



The garden was full of life, conversations, coffee, cake and curiosity. By the end of the day I was tired, happy and slightly hoarse from talking.



And the photos?
I simply took them afterwards.



Kommentare

Éva hat gesagt…
László Krasznahorkai, ein ungarischer Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur (2025), nutzte in einem seiner Werke einen Garten als Symbol für Vollkommenheit. Der Held des Romans sucht nach diesem vollkommenen Etwas, das vor unserer Existenz existierte.
Auch wir Menschen sind so. Wir suchen, wir finden, wir verlieren und dann fangen wir von Neuem an. Am Ende zeigt sich, dass Ordnung, Harmonie, Ruhe, Gelassenheit, maßvolle Zurückhaltung, Schönheit und Vollkommenheit in uns wohnen, und manchmal begegnen wir ihnen nur für einen Augenblick, nur um vom schmerzlichen Mangel, der dem Genuss folgt, immer wieder zur Suche getrieben zu werden.
Wenn ich Ihren Garten betrachte, sehe ich vieles, wonach wir hier suchen, und die Besucher des Tages der offenen Gärten haben es ebenfalls bemerkt.
In Liebe. Éva