Am Abend vor dem Offenen Garten


Wie oft habe ich eigentlich schon meinen Garten geöffnet?

Ich weiß es gar nicht mehr genau. Oft genug jedenfalls, dass inzwischen eigentlich eine gewisse Routine eingezogen sein müsste.

Von wegen.

Jetzt, einen Tag vorher, rotieren die Gedanken wieder kreuz und quer durch meinen Kopf.
Was muss ich noch tun?
Sind alle Ableger gegossen? Schließlich soll jeder Besucher ein paar Pflänzchen mitnehmen können.
Steht der Kuchen noch im Ofen? Hoffentlich vergesse ich ihn nicht.
Sind überhaupt genug Servietten im Schrank?
Und sind die Gartenstühle wirklich sauber?

Irgendwann merke ich selbst: So geht das nicht weiter.



Also Schuhe anziehen. Raus.

Ich gehe an die Werra, wie so oft, wenn ich den Kopf freibekommen möchte. Dort funktioniert das erstaunlich zuverlässig. Vielleicht liegt es am Wasser. Vielleicht daran, dass die Welt am Fluss immer ein bisschen beschaulicher wirkt.

Es ist schon spät. Die Sonne sinkt langsam tiefer und taucht alles in dieses warme Licht, das nur kurz vor dem Abend existiert.

Den Kuchen hätte ich beinahe vergessen.
Die Kamera natürlich nicht.



So entstehen Bilder.
Vom Sonnenuntergang über den Feldern. Vom Licht auf dem Wasser. Von diesem stillen Moment zwischen Tag und Nacht, in dem alles ein wenig unwichtiger wird.

Während ich dort stehe und in die untergehende Sonne schaue, verlieren selbst meine chaotischen Gedanken langsam ihre Dringlichkeit.

Mit einem letzten Blick auf unseren Kirchturm gehe ich zurück.



Der Garten wird morgen nicht perfekt sein.
Natürlich nicht.

Vielleicht wächst irgendwo etwas zu wild. Vielleicht fehlt eine Serviette. Vielleicht ist der Kuchen ein bisschen zu dunkel geraten.

Aber darum geht es eigentlich gar nicht.

Jetzt sitze ich wieder zu Hause am PC, höre draußen die Amsel am Teich und freue mich plötzlich einfach nur auf morgen.

Auf die Gäste.
Auf Gespräche zwischen Blumenbeeten.
Auf Menschen, die genauso gern schauen, fragen und staunen wie ich.

Und ein kleines bisschen freue ich mich auch darauf, wenn morgen Abend wieder Ruhe einkehrt.


The evening before my first Open Garden day of the year, I suddenly felt overwhelmed by all the little things that still needed to be done. Watering plant cuttings, checking chairs, baking cake, remembering napkins.

So I did what always helps: I went to the river.

At the Werra, the world seemed quieter again. The sun was setting over the fields, the light became soft, and my thoughts slowly calmed down.

The garden will not be perfect tomorrow. Something will probably be forgotten. But maybe that is not the point at all.

Now, back home, listening to the blackbird near the pond, I am simply looking forward to welcoming my guests, sharing the garden, and enjoying the conversations that always grow so naturally between flowers and plants.



Kommentare

Éva hat gesagt…
Liebe Anette, es ist den Menschen wichtig, ob sie im Leben aufsteigen oder absteigen. Warum sollte es ihnen nicht wichtig sein?
Die aufgehende Sonne im Sonnenaufgang und das sinkende und schließlich verschwindende Licht der Abenddämmerung sind gleichermaßen schön. Schönheit hat nichts mit Aufstieg oder Untergang zu tun.
Du hast wunderschöne Fotos gemacht. Wunderschönes Licht, wunderschöne Spiegelungen und Farben…
Ich wünsche dir, dass viele Besucher deinen Garten besuchen und sich wohlfühlen. Mögest auch du zufrieden sein, denn Geben schenkt uns immer dieses Gefühl. Schönheit zu verschenken ist eines der schönsten Dinge, die wir tun können. Alles Gute! Éva
Angie's Recipes hat gesagt…
Der Sonnenaufgang ist farbenprächtig und einfach schön!